Radu Mircea

“Mircea, ist das jetzt dein neuer Name?”, sagte die Stimme aus der Dunkelheit spöttisch,
durchschnitt die Stille des muffig schwarzen Raums.

“Ja, und nun verschwinde.”, antwortete der Mann krächzend und zornig, am Tisch sitzend,
mit dem Rücken zur Stimme. Seine hagere Form war eingesunken, seine spindeldürren Finger
mit langen, braunen Nägeln lagen schweigend auf der Tischfläche. Alt war Radu, dünnes,
weißes Haarumrahmte ein eingefallenes, mageres Gesicht mit tiefliegenden Augen.

“Willst du mir nicht Ehre erweisen und mich willkommen heißen, nach alter Tradition?”,
schmunzelte es aus der Dunkelheit mit kraftvoll jugendlicher Stimme, die aber nicht
freundlich klingen wollte, eher provokativ, bösartig ätzend.

“Nein. Die Zeiten haben sich geändert. Hau ab, oder…”, klang es drohend vom Sitzenden.
Entschieden sprach Radu Mircea, legte Drohung in seine Worte, zwischen schmalen,
zusammengekniffenen Lippen entwich die Sprache fast wie ein Zischen.

“Oder…? Ich glaube, du hast nichts, mit dem du mir drohen kannst. Früher einmal, ja,
aber nun… sieh dich doch an.”, entgegnete der tiefe schwarze Schatten am Ende des Raums.

“Du weißt von allen am besten, daß ich abgeschworen habe. Ich habe mit euch nichts mehr
gemein. Laßt mir meine Ruhe.”, antwortete Radu Mircea und ballte seine rechte Hand zur
Faust. Die schmutzig braunen Fingernägel bohrten sich in Radus ledrige, aschfahle Haut,
aber es kam kein Blut.

“Ich habe lange gebraucht, um dich zu finden. Und was ich hier vor mir sehe, ist ein alter
Mann, Schatten seines früheren Selbst. Du bist ein jämmerliches Überbleibsel geworden,
schwach und armselig.”, entgegnete die Stimme zornig aus der Dunkelheit. Richtige Wut,
ein unglückseliger, maßlos überzogener Stolz, aus dem sprach, dass die wahren Herren
der Welt niemals krank, alt und schwach auszusehen hatten.

Mircea seufzte. “Wenn dem so ist, wieso befaßt du dich noch mit mir? Laß mich in Ruhe
und verschwinde. Du und die Deinen haben wahrlich andere und wichtigere Dinge zu tun.”
Eine schwere Last drückte Radu die Schultern nieder, sein Widerstand verwandelte sich
in ausweichende Rückzugsgefechte. Erfahrung eines zu langen Lebens sah die
Bedeutungslosigkeit erneuter Rangkämpfe.

Henry trat aus den Schatten. “Ich will, daß du zu uns allen zurück kommst. Nimm an
unseren wichtigen Unternehmungen teil. Kämpfe mit uns und siege. So wie früher.”
Aus dem Schatten trat der junge Adonis, geschmeidig, gefährlich und schön. Das
Gegenteil von Radu Mircea, oder vielleicht sein Ebenbild aus jüngeren Jahren.
Blondes Haar umrahmte ein zu perfektes Gesicht mit Adleraugen, volle rote Lippen
und starke Hände verkörperten alles, was an den angeblichen Herren der Welt so
anziehend war.

Mircea schloß die rotgeäderten Augen, dann sagte er langsam: “Ein alter Mann wie
ich kann euch nicht viel helfen. Und ich will es auch nicht, seit dem Tag, an dem
ich abgeschworen habe.” Der alte Mann verbarg sich mit seinen Worten, er machte
sich klein, alt und schwach. Aber seine dürren Klauen pressten sich so stark an
die Ränder des schweren Eichentisches, dass dieser ächzte.

Henry schlug wütend und blitzschnell gegen die Wand, der Putz bröckelte, Staub
wirbelte auf. Schmerz empfand er keinen. Nur Wut. “Du weißt genau, wer du wirklich
bist und was du sein kannst. Leg diese Maske ab und erstreite deinen einstigen
Rang unter uns! Du bist … ”

Mircea unterbrach ihn mit einem Wink seiner alten, grauen Hand und drehte sich
herum. Er blickte schnell auf das Loch in der Wand, fixierte dann furchtlos sein
aggressives Gegenüber. Langsam und betont erwiderte er: “Ich bin nichts weiter
als Radu Mircea.”

Henrys Blick fiel auf den schweren goldenen Ring, den Mircea trug. Er wollte
spotten, aber seinen Zorn trug vielmehr eine Weile des Drohens. “Oder bist du
nun Menschenfreund geworden? Du scheinst dich ja gut mit deinen Nachbarn zu
verstehen. Vielleicht sollte ich sie einmal darauf hinweisen, wer du wirklich
bist. Oder sie töten?”

Radu Mircea sagte nichts und schloß die Augen. Im nächsten Augenblick stand er
hinter Henry und hatte seine Hand an dessen Kehle, die langen harten Fingernägel
in die Haut eingegraben. Erstaunt zischte Henry, bewegungslos, die Augen
schreckweit geöffnet.

“Endlich zeigt der Löwe seine Zähne!”, keuchte Henry überrascht und triumphierend.
“Ihr seid so schnell, wie Ihr es immer wart.”

Mircea ließ ihn los. ließ ihn fast fallen und ging langsam zum Fenster.
“Bewunderung von deinesgleichen bedeutet mir nichts. Und die alten Reden noch weniger.
Alles, was du bewunderst, ist tot und begraben. Und was noch lebt, auf welche Art
auch immer, ist verflucht.”

Henry rieb sich den Hals, verunziert von Krallenwunden. Sie schloßen sich bereits
wieder. “Nicht nur Menschenfreund, sondern auch leidender Heiliger. Ihr habt einen
famosen Abstieg hinter euch, mein Lord.”

Mircea erwiderte gelassen: “Vielleicht hast du ihn noch vor dir, Henry. Du weißt,
was aus Erzebeta wurde. Und aus denen, die wie Tiere hausten.”

Henry lachte. “Sollte es dazu kommen, mein Lord, so habt Ihr vor allen anderen die
Ehre, mir den endgültigen Tod zu gewähren. So wie Ihr dieses Geschenk so
bereitwillig Erzebeta zuteil werden ließet.”

Mirceas Augen funkelten gefährlich im dunklen Zimmer. Er schien größer geworden zu
sein, eine noch tiefere Schwärze als die Dunkelheit im Zimmer. “Vorsicht, Henry,”
grollte er gefährlich. “du wagst zuviel.”

Henry wandte sich plötzlich ab und schwieg.

Radu Mircea sah aus dem Fenster in die dunkle Nacht hinein, Polizei fuhr vorbei,
Blaulicht streifte seine alten, strengen und harten Gesichtszüge. Er sah auf seine
Hände, die nicht zitterten, stark und schnell waren, aber aussahen, als gehörten
sie einem Achtzigjährigen.

“Du verschwendest deine Zeit, Henry.”, sagte Mircea schließlich. “Ich werden nie
wieder euch allen angehören. Laß mir meinen Frieden.”

Henry wandte sich dem alten Mann zu. “Du weißt nicht, was alles geschieht. Man wird
zu dir kommen und dich angreifen. Die Welt hat sich bereits verändert. Sie werden
dich jagen und töten wollen. Niemand wird dir dann beistehen.”

“Der mächtige Lord aus alten Tagen braucht keinen Beistand.”, erwiderte Mircea
zynisch. “Er wird sich allen stellen und sie besiegen. Oder in einer gloriosen
Schlacht untergehen.”

Henry schüttelte den Kopf. “Wie es dein Wunsch ist. Ich werde den anderen nichts
von dir berichten. Ich sage einfach, ich hätte dich nie gefunden. Du wirst am
Ende deiner Zeit alleine sterben.”

Radu Mircea nickte. “Ja, das werde ich.”

Henry verschwand, so schnell, wie er gekommen war. Der alte Mann setzte sich
wieder und starrte in die Dunkelheit.

Advertisements

About sovalkon

I am the Grey Knight.

Posted on January 28, 2012, in Vampires and tagged , . Bookmark the permalink. Leave a comment.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: