Toshrak’s Schwäche

So saß also Toshrak alleine im Dunkel seiner verlassenen Festung, in
völliger, toter Stille ohne irgendeinen Laut. Seine vollständig schwarzen
Augen starrten regungslos in die Schatten, seine Brust hob und senkte
sich nicht, denn das Atmen war ihm fremd geworden. Nur manchmal
zuckte seine blasse Hand an seine Brust, direkt über die Stelle, wo
einst einmal sein Herz gewesen war; im Schmerz der Kristallstacheln
zeigte der Herr des Bösen die einzige Regung. Schön war Toshrak, sein
Haar schwarz und voll, schulterlang über seine kräftigen Schultern fallend,
sein Antlitz fein und ebenmässig, seine Gestalt groß und gebieterisch.
Aber wo einst einmal die Haut einen gesunden lebendigen Ton besessen
hatte, da war sie nun so bleich und blass, wie aus Marmor, und kälter als
Eis. Nichts entging den Sinnen Toshraks, kein Laut, keine Stimme. Nicht
einmal Gedanken vermochten vor ihm zu fliehen, zu tausenden waren
sie ihm offenbar, aber so bedeutungslos wie Schneeflocken, die im
Tauwetter dahinschmelzen. Die toten Augen des Bösen sahen auch
in andere Welten, tief hinunter in die Abgründe, welche manche die
Hölle nannten und andere wiederum ihre Heimat. Aber an eine Stelle
sah Toshrak niemals, selbst für ihn war es pure Qual, dorthinzusehen.
Weit entfernt, zwischen den Sternen, da war der Gott Mhan Khoros,
und es gab niemanden, der seiner Kraft die Stirn hätte bieten können.
Das Klappern der Hufe eines Pferds ließ Toshraks Geist wieder in
sich selbst zurückkehren, und er spürte, dass Jariss sich dem Thron-
saal näherte. Kein anderer hätte sie gehört, kein sterbliches Ohr einen
Laut vernommen, denn sie war die beste aller Assassininnen ihres
Ordens. Als sie den Saal betrat, lastete der schreckliche Blick des
Bösen auf ihr und drang in ihre Seele, doch sie schreckte es nicht,
denn seit ihrer Kindheit war sie dem Bösen geweiht und verschrieben.
Jariss, in schwarz, völlig vermummt, die Hände demütig über der
Brust verschränkt, näherte sich schnell ihrem Herrn und kniete vor
seinem Thron. Endlos lange blickte Toshrak sie an, als ob er sie
studieren würde, ließ seinen Blick wandern über sie und erinnerte
sich an andere Zeiten, in denen er mit Lüsternheit auf Frauen
herabgesehen hatte. Nun war sein Verstand einzig damit beschäftigt,
ihren Wert zu ermessen, ihre Nützlichkeit zu beurteilen, für den
großen Kampf gegen den Avatar des Lichts.
„Sprich!“, sagte Toshrak und seine Stimme ließ die schweren
Mauern erzittern. Jariss antwortete ihm: „Mein Herr und Gott,
aus allen Klans und Städten wurden die besten Krieger unter
Eurer Standarte versammelt. Es sind an die zehntausend, die
auf Euren Befehl warten.“ Toshrak schwieg. Nach einer langen
Zeit gab er Jariss ein Zeichen, dass sie aufstehen und sich zu
seinen Füssen setzen dürfe. „Du hast dafür gesorgt, dass meine
Krieger Waffen erhalten, um Il’Jarachs Festung schnell zu
erstürmen?“ Jariss nickte. „Gut. Lass sie am nächsten Morgen
durch das Tor gehen, zerstöre die Festung Il’Jarachs und bring
ihn mir in Ketten. Meine Kraft wird mit dir und deiner Heer-
schar sein.“ Toshrak wußte von den geheimen Plänen, die der
Dämon des Hasses gegen ihn hegte und die Intrigen, die er
mit Shankara gemeinsam geschmiedet hatte. Nun würde er
zum Streich ausholen und an Il’Jarach ein Exempel statuieren.
Jariss hatte ihren Umhang aufgeknöpft und fallen lassen,
darunter war sie nur spärlich bekleidet. Sie setzte sich so,
daß Toshrak ihren Reize wahrnahm, aber erschauerte, als
seine fürchterlichen Augen über ihr Fleisch zu wandern
begannen. „Was willst du?“, fragte der Kriegsherr des Bösen,
obwohl er es schon wußte. „Euch dienen, Herrscher.“,
antwortete Jariss zitternd. Als Toshrak sich abwandte, kroch
wieder Wärme in Jariss’ Körper, aber sie erschauerte erneut,
als Toshrak schallend zu lachen begann. „O wärst du doch
nur früher gekommen, als ich noch etwas übrig gehabt hätte,
für solcherlei Dinge.“, sprach er höhnisch zu ihr. Jariss
verhüllte sich wieder und beherrschte sich, diese Demütigung
lautlos zu ertragen. „Aber ich weiß, was du dir erhoffst, dass
ich dich akzeptiere für meine Gelüste, und du dadurch noch
mehr an Macht gewinnst. Ist es nicht für deinesgleichen eine
besondere Auszeichnung, das Liebchen Toshraks gewesen
zu sein?“ Die Assassinin nickte und antwortete: Das ist es,
Herr. Aber ich erhoffte mir auch, Eure Leiden ein wenig zu
mildern.“ Toshrak horchte auf, bewegte sich blitzschnell
und brachte sein Antlitz dicht vor Jariss, dabei umfing er
ihren Kopf mit beiden starken Händen. „WAS weißt du
denn über meine Leiden, Frau?“, schrie er sie an und ließ
sie für einen Moment an seiner eisigen Kälte teilhaben.
Schreiend fiel Jariss aus seinen Händen und krümmte sich
auf dem steinernen Boden, unter den grausamen Augen
des Avatars der Dunkelheit. Aber mit einem Mal reute es
ihn, ihr so viel angetan zu haben und er hob sie auf, trug
sie zu einem Tisch und legte sie darauf. Jariss erwachte
aus der Qual und sah ihn an, so lange, dass Toshrak sich
schliesslich abwenden musste, denn er hatte in ihren
Gedanken gelesen: Mitleid und Sorge. Die Fäuste ballend,
schritt er davon, hieb gegen eine Säule und zerbrach sie,
Trümmer prasselten neben ihm zu Boden. Und da begriff
Toshrak, dass sein Gott ihm nur so viel Menschlichkeit
lassen würde, dass er für immer wegen seiner unerfüllten
Existenz leiden würde. Jariss war aufgestanden und auf
ihn zugewankt, sie fiel in seine Arme, als er sich herum-
drehte. „Herr, mir ging es nicht darum, Ansehen zu
erwerben…“, begann sie, aber Toshrak gebot ihr
Schweigen. Mit dem rechten Zeigefinger wischte er
Jariss die Tränen von der Wange, und blickte erstaunt,
als diese ihm die Haut verbrannten. Die Tränen einer
Frau sind ätzendes Gift, vor allem dann, wenn sie aus
dem Herzen heraus vergossen. Toshrak wandte seine
Macht an, um ihr alle Schwäche zu nehmen und befahl
ihr leise, zu gehen. Und als Jariss ihn ansah, ihm eine
zarte Hand auf die Wange legte, da wandte der Herrscher
des Bösen alle innere Kraft auf, um nicht vor Qual
aufzuschreien. Als die Assassinin die Halle verlassen
hatte, war es wieder still um Toshrak und er konnte
sich erholen.

Advertisements

About sovalkon

I am the Grey Knight.

Posted on January 30, 2012, in Toshrak, Avatar of Darkness and tagged . Bookmark the permalink. Leave a comment.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: