Was ist Kunst?

Im Rahmen eines Treffens der Chaosartisten kam die Frage auf, was denn nun eigentlich
Kunst sei. Sicherlich können Kunsthistoriker, Museumskuratoren und auch der Kunstmarkt
dazu unterschiedliche Antworten geben, die allesamt vielleicht zutreffend sind. Eine
andere, und vielleicht radikal liberale Position möchte ich hier präsentieren:

Kunst ist es dann, wenn du sie selbst als solche empfindest.

Das will meinen, dass jeder einzelne Mensch für sich subjektiv Kunst als solche empfindet,
also per Emotion als solche wahrnimmt. Dies schließt den kreativen Akt mit ein. Ich kann
also einen Allerweltsgegenstand nehmen, ihn weder selbst erschaffen haben, noch
modifizieren, noch ausstellen, noch beschreiben, ihn aber als Kunst emotional wahrnehmen:

Ich wähle also einen gelben Kugelschreiber aus Plastik und bestimme ihn per Gefühl als
Kunst. Ich habe ihn nicht hergestellt, sondern gekauft, keine Veränderungen vorgenommen.
Ich stelle ihn nicht in der Öffentlichkeit aus, ich schreibe keine Aufsätze über ihn. Zeige
ich diesen Kugelschreiber anderen Menschen, können diese ihn vielleicht ebenso als Kunst
wahrnehmen, oder eben nicht. Dies wird meinen kreativen Gefühlsakt bezüglich des Kunst-
seins dieses Gegenstandes nicht tangieren, wohl aber kann ich auf Meinung von außen
erklärend oder ablehnend reagieren.

(Ich ziehe absichtlich dieses Beispiel heran, um meine These zu demonstrieren. Viel
leichter wäre es, wenn ich einen Gegenstand genommen und ihn mit meinen Fähigkeiten
umgearbeitet hätte, wenn künstlerische Tätigkeit am Objekt sichtbar erkannt werden
könnnte. Man denke an einen Bildhauer, der einen Stein bearbeitet, dies wäre um ein
vielfaches leichter als Kunst zu erkennen, rein auf optischer und handlungstheoretischer
Basis.)

“Etwas als Kunst empfinden.” – Was meint das genau? Ist es nahe am Begriff der Schönheit
angesiedelt? Ist der gelbe Kugelschreiber für mich und mein Empfinden ein derart schöner
Gegenstand, das ich ihn deshalb zur Kunst erhebe? Oder bewirkt der Anblick dieses gelben
Schreibgeräts in mir eine träumerische Fantasievision kreativer Möglichkeiten? Oder
ich kombiniere kreativen Schaffensdrang mit einer inneren Qualität, die ich habe,
beispielsweise Traurigkeit, Glück, Hass, Liebe und statte den gelben Kugelschreiber damit
aus, attributiere ihn mit persönlichen Gedanken und vor allem Empfindungen?

Meine These ist eine weitgefaßte und sehr radikal freie Bestimmung dessen, was Kunst ist.
Wohl auch der Kritik der Beliebigkeit oder des absichtlichen Betrugs ausgesetzt.
Sicherlich die Antithese dessen, was wir tagtäglich von schlauen Leuten kuratiert in
Museen finden. Doch legitim! Und rebellisch gleichmachend, denn in dieser Sichtweise
hat jede Kunst Berechtigung, ist immer gleich viel wert und kann nicht herabklassifiziert
werden, da sie höchst subjektiv im Auge des Schaffenden auf jeden Fall, im Auge des
Betrachters vielleicht nicht immer Gefallen finden kann.

Man wäre nahe an Beuys mit solcherlei Auffassung, der ja “alles ist Kunst” propagiert.
Doch davor noch zurückschreckend, soll nur das Kunst sein, was das Individuum als solche
wahrnimmt, weniger mit Ratio, sondern ganz mit der Emotio, vielleicht auch in
unterschiedlicher Intensität? Es muss also doch nicht alles Kunst sein, sondern nur das,
was der Mensch dazu erhebt.

Wie läßt sich solche Kunst beschreiben, handhaben, bestimmen? Bewertet werden darf sie in
jedem Fall, nur wird man niemandem seine subjektive Meinung absprechen dürfen, vielleicht
nur zählen können, wem sie nun gefallen hat und wem nicht. Wie stellt man solche Kunst aus?
Nimmt man ein Museum und fordert jeden Bürger einer Stadt auf, einen Gegenstand dort
auszustellen, der für ihn Kunst ist? Was ist der Wert einer solch höchst subjektiven Kunst?

Kann ich den gelben Kugelschreiber aus meinem obigen Beispiel stolz und selbstbewußt im
Museum für Neue Kunst des ZKM Karlsruhe neben bekannte und teure Werke namhafter
Künstler ausstellen, auf einem weißen Podest, angestrahlt, mit Künstlernachweis, aber
ohne Erklärung?

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About sovalkon

I am the Grey Knight.

Posted on April 20, 2012, in Art and tagged , . Bookmark the permalink. 1 Comment.

  1. Ich stimme dem Autor zu, die Frage danach, was Kunst ist, lässt sich objektiv nicht in hinreichendem Maße beantworten, ist abhängig vom wertenden Subjekt. Offensichtlich also hat Kunst auch etwas mit (be)werten zu tun, mit der Qualität des Erschaffenen, die wiederum zusammenhängt mit der Frage nach inhaltlicher Tiefe und Hintergründigkeit, nach der Originalität und nach Ästhetik.
    Nehmen wir als Beispiel den gelben Kuli.

    Person1 wertet:
    Inhaltliche Tiefe/Hintergründigkeit: 0%
    Originalität: 20%
    Aesthetik: 10%

    Macht zusammen 30 Punkte von möglichen 300 auf der subjektiven Kunst-Skala für den gelben Kuli.

    Person2:
    Inhaltliche Tiefe/Hintergründigkeit: 25%
    Originalität: 95%
    Ästhetik: 60%

    Zusammen 180 Punkte von 300 von Person2 für den Kuli.

    Person3:
    80%
    30%
    30%

    Insgesamt 140 Punkte.

    Zu den Personen:
    Person1: Ein oberkritischer Kunstprofessor nach kurzer oberflächlicher Begutachtung des gelben Kuli-Kunstwerks.
    Oder eine ältere schwäbische Hausfrau mit altmodischem Kunstgeschmack.
    Urteil von Person1: gelber Kuli ist kein Kunstwerk, oder wie der Kunstprofessor es vornehmer ausdrückt: “Scheißdreck.” Bzw. die schwäbische Hausfrau:”ha noi, des isch doch kei kunscht du simpel, s isch ebes zum schreiben.”

    Person2: 40 jähriger Jurist, der erst vor kurzem sein Interesse an zeitgenössischer Kunst und dem erweiterten Kunstbegriff entdeckt hat, für den alles noch ziemlich neu und spannend ist. Und der zufälligerweise nicht nur ein totaler Kugelschreiber-Fan ist, sondern auch noch gelb als Lieblingsfarbe hat.
    Für person2 reicht der gelbe Kuli, insbesondere aufgrund der von ihm so empfundenen großen Originalität, fast an ein künstlerisches Meisterwerk.

    Person3:
    Kunstakademie-Absolvent in den 30ern mit viel Zeit und Toleranz, hat sich über den Künstler des Kugelschreiber-Werks im Vorfeld belesen, kennt also den Hintergrund der Arbeit.
    Person3 bewertet den gelben Kuli als nicht schlecht, Kunst ja, aber für ihn auch keine großartige Kunst.

    Natürlich sind die genannten 3 Kriterien für die Qualität eines Kunstwerks(inhaltliche Tiefe, Originalität, Ästhetik) zu kurz gegriffen und zu pauschal. Es gibt Leute, für die ist es bei einem Werk von besonderer Wichtigkeit, wie in sich konsistent es ist oder ob es von einer Aura des Rätselhaften umgeben ist.

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