Verhaltenskodex für historische Fechter?

Jeder Kampfsport tut wohl gut daran, eine ethische Grundlage zu finden, einen
Verhaltenskodex, der für seine Ausübunden verbindlich sein soll und gewisse
(positive) Werte des Geistes oder des Körpers repräsentiert. Hier möchte ich
mich ganz subjektiv mit dem “Fechter Credo” von Peter Koza auseinandersetzen,
dem Gründer der Gladiatores/Magisterium Schulen. Ich zitiere der Einfachheit
halber nicht den ganzen Text, der sich leicht im Netz finden läßt, sondern
nur relevante Passagen, zu denen ich kritisch Stellung nehmen will:

“Mit mir selbst als Person muss ich nicht unbedingt zufrieden sein, aber
mit mir als Fechter schon – damit meine Umgebung mich respektiert, zumindest
bis zu der Stufe die ich erreichen will.”

Vielleicht ist historisches Fechten gerade dazu geeignet, auch mit sich selbst
als Person zufriedener zu werden, insofern sehe ich da weniger eine Trennung
zwischen Privatperson und Fechtperson. Respekt erwerbe ich auch unabhängig von
sportlicher Leistung, aber sicherlich kann ich mit fechterischer Höchstleistung
Ansehen erwerben, ob das nun erhöhter Respekt sein muss, sei dahingestellt.

“Ein Fechter zu sein, ist Adel im Geiste und in der Tat – nicht aufgrund
eines Wappens oder einer Tradition. Alles, was dieser Adel bedeutet, habe ich
persönlich verdient und ist nicht die Frucht der Taten meiner Vorfahren.”

Adel im Geiste bedeutet konkret was? Mir genügt es hier nicht, einfach zu
fechten und schon ein Adelsetikett zu tragen, ich möchte genau die Anforderungen
wissen, die mich in den Stand erheben. Natürlich können wir hier alle positiven
inneren Werte oder die Tugenden der Ritterlichkeit anführen. Die Frage bleibt
jedoch, wie spätmittelalteriche Fechtschulen diese Punkte bewertet und mit Inhalt
gefüllt haben.

“Die Beziehung zwischen mir und meinem Schwert ist die Intimste von allen
diesen Beziehungen. […] Alle möglichen geistigen und bei den professionellen
Fechtern auch materiellen Erfolge erreiche ich durch das Schwert. […] Es darf
nicht in die Erde gestochen werden – es sei denn eine Rolle verlangt dies von mir.
Es darf nicht auf einen Haufen geworfen werden und es darf nicht von jeder Person
einfach so berührt und beschmutzt werden. Ich betrachte es teilweise als Gegenstand
meiner Waffenverehrung und es kann von mir einen Namen erhalten.”

Intime Beziehungen zu einer Waffe? Das läßt unwillkürlich an “Full Metal Jacket”
denken, wo die Rifle des Marines kultisch-indoktrinatives Ritualobjekt und “Geliebte”
des Soldaten wurde. In modernen Zeiten mag eine solche Denkweise sehr suspekt wirken,
und sicherlich vergessen wir bei einer solchen Zentrierung auf das Schwert als Symbol
gänzlich die Hand, die es führt. Geistige und materielle Erfolge erreiche ich durch
mich selbst in erster Linie, indem ich die Kunst des Fechtens meistere, indem ich
meine körperlichen und mentalen Ressourcen bündle, das Schwert an sich ist meiner
Ansicht nach ein schätzenswertes Werkzeug, aber kein magisches Wundermittel. Ich halte
es für übertrieben, für ein Schwert Gebrauchsregeln aufzustellen, die beinahe kultische
Verehrung zum Ziel haben. Höchstens Excalibur oder ein bedeutendes Königsschwert als
Würdensymbol verdient es, so extrem bedacht gehandhabt zu werden. Andere Personen
beschmutzen mein Schwert, wenn sie es berühren? Dann ists wohl doch nicht weit her mit
fechterischer Adelstoleranz? Das Wort “Waffenverehrung” gefällt mir ganz und garnicht,
und ich werde meiner Klinge auch keinen Namen geben, denn das halte ich für albern,
wenn es um historisches Fechten geht und nicht um LARP.

“Darum gehe ich mit den Waffen der anderen respektvoll und höflich um. Ich berühre
sie nicht, ohne darum gebeten zu haben und ich bedanke mich, wenn ich die Erlaubnis zum
berühren bekomme. Wenn ich sehe, daß jemand sein Schwert nicht so behandelt, finde ich
vorsichtige Worte um ihn darauf aufmerksam zu machen und ihn in die richtige Richtung
zu lenken.”

Ich habe absolut nichts dagegen, einen Verhaltenskodex zum Umgang mit Waffen
aufzustellen, denn schließlich sind auch Schwerter keine Spielzeuge und Fechten eine verletzungsgefährliche, ernste Sache. Sind obige Worte in diesem Sinne verständlich,
unterschreibe ich sie vollkommen. Ob ich nun ein meiner Ansicht nach recht stilisiertes
und affektiertes Gehabe um mein Schwert oder das der anderen machen muß, sei
anzweifelbar. Und im Grunde muss ich auch niemanden in die “richtige Richtung” lenken,
denn wie wir alle wissen, gibt es so viele “richtige Richtungen”, wie es Menschen auf
der Welt gibt.

“Die Welt um uns herum wertet uns alle nach den Taten und Worten eines jeden
Einzelnen und die Schande oder der Ruhm des Einzelnen fällt auf uns alle zurück.
Es geht mir aber nicht nur um den Eindruck der Öffentlichkeit, sondern viel stärker
noch ist in mir der Wunsch, meinen Kollegen zu bessern. Es ist nicht nur der Wunsch
edel zu scheinen, sondern wir wollen auch tief in unserem Inneren einen Adel des
Geistes erreichen!”

Schande oder Ruhm? Auf moderne Bedeutung übertragen, ist damit wohl gemeint, dass
wir alle als Kampfsportler eine gewisse ethische Haltung vertreten, die durch unser
Handeln steht oder fällt. Gleich den asiatischen Künsten kann ich dies durchaus
nachvollziehen. Das Wort Ruhm ist jedoch zweifelhaft, denn uns ist schon allen
bewußt, zu welchen Greueltaten die Menschheit fähig war, wenn es genau darum ging.
Das Bessern des Kollegen? Mit Verlaub, wir haben, glaube ich, alle genug damit zu tun,
uns selbst zu “bessern”, da muss ich nicht auch noch den “Wächter meines Bruders”
spielen, vor allem, weil solche Besserungsvorhaben immer und zu jeder Zeit mißbraucht
werden können. Eine genau Definition des “Adels des Geistes” sollte versucht werden!

“Die Welt ist ein Meisterwerk. Die Natur – Erde, Pflanzen, Tiere, Menschen – das
alles sind Meisterwerke Gottes. Bauwerke, Kulturgegenstände, Lieder, Gedanken und
Traditionen sind Meisterwerke des Menschen. Von all diesen Dingen bin ich ein
Verteidiger und kein Zerstörer. Ich lebe in dieser Welt und ich bin stolz und
glücklich darüber, daß ich hier lebe.”

Als kritischer Zyniker gäbe es an diesen, wohl romantisch gutmeinenden Worten viel
auszusetzen.Schon allein die Tatsache, dass der Mensch ein Meisterwerk ist, bestreite
ich angesichts der Barbarei unserer vergangenen Geschichte doch heftig. Das Potential
jedoch mag vorhanden sein und irgendwann realisiert werden, wenn wir uns tatsächlich
nicht vorher selbst auslöschen.

Jeder Ansatz, sei er nun realistisch modern oder romantisierend ritterlich, ist ein
begrüßenswerter Anfang, wenn es darum geht, im historischen Fechten eine
Verhaltensregel zu erzeugen. Vielleicht aber sollte man auch nur die Fechtmeister
vergangener Zeiten zu Wort kommen lassen:

„Ein Fechter soll sich halten fein,
Kein Rühmer, Spiler, Sauffer sein.
Auch nit Gotteslestern noch schweren,
Und sich nit schemen zu lehren.
Gottesfürchtig, Züchtig, dazu still,
Sey messig, erzeug den Alten ehr
Und dem Weibsbild auch weiter hör,
Alles tugendt ehr und manlichkeit,
Der sollt sich fleißen allezeit,
Auff das du dienen könnst mit ehren,
Keyser, König, Fürsten und Herren,
Auch nützlich seyest dem Vatterland,
Und nicht der edlen Kunst ein Schandt.“

(Joachim Meyer, 1570 – *genauer Quellenbeleg muss noch ergänzt werden*)

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Posted on May 1, 2012, in Historical Fencing and tagged , . Bookmark the permalink. 1 Comment.

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