Was soll Kunst leisten?

Die Frage nach dem Sinn von Kunst mag sich oft stellen, auch direkt bezogen auf
künstlerische Positionen, die man trotz Hintergrundwissen nicht verstehen mag.
Eine generelle Klärung der Frage, wozu Kunst eigentlich gut ist, mag sinnvoll
erscheinen:

1.) Kunst soll erfreuen!

Wenn der Anblick von Kunst nur Freude hervorbringt, mag das schon zur Gänze alles
sein, was geschieht, und ohne Zweifel ist das etwas Gutes sowie Wünschenswertes.
Ich brauche dafür weder Doktorgrade in Kunstwissenschaft oder den kompletten
Kanon diverser Theoretiker verinnerlicht haben. “Das gefällt mir.” ist ein Satz,
den ich ohne Reflektion der Kunst, durch alleiniges Ansehen/Anhören durchaus
von mir geben darf und den ich auch nicht begründen muss.

2.) Kunst soll abstoßen/abschrecken/anwidern!

Es ist auch legitim, den Zuschauer oder Konsumenten der Kunst zu verschrecken,
Negatives wie Ekel, Abscheu zu erwecken. Wünschenswert ist hier, als Künstler zu
wissen, warum man dies denn bewirken möchte. Ist es kritischer Diskurs mit
kommerzieller, absichtlich augengefälliger Kunst? Ist es reine Provokation der
endlosen Massen, die tumb durchs Museum trampeln? Oder ist es einfach meine
Art als Künstler, die Untiefen meiner Seele auf die Art darzustellen, mich
keinen Deut darum scherend, wie das alles von außen wahrgenommen wird?

3.) Kunst soll kritisieren!

Es ist nobel, wenn Kunst Kritik an Gesellschaft, Politik oder an sich selbst übt.
Tieferen Sinn sucht und findet man da immer, hat es oftmals mit politisch
engagierten Künstlern zu tun, die auch oftmals Radikal-expressives erschaffen,
sich mitunter da bei 2.) bedienen. Provokation nur um des Provozierens willen,
enfant terrible sein, mag zweifelhaft erscheinen, eine tieferliegene
Botschaft, auch gerne ausführlich erklärt, kann helfen, die Message
durch die Kunst nach draußen zu bringen. Perfekt mag es scheinen, wenn kritische
Kunst ohne Erklärung viele Menschen gleichsam emotional als auch intellektuell
berühren kann.

4.) Kunst soll die Lebenswirklichkeit (des Künstlers) abbilden!

Vielleicht dem Vorwurf des egozentrischen Handelns ausgesetzt, kann (oder muß?)
Kunst auch immer über die Lebenswirklichkeit eines Menschen Auskunft geben.
Möglicherweise läßt sich das auch niemals abstellen und ist immer inhärent
vorhanden, egal, welche Objektive der Künstler mit seinem Werk verfolgt.
Sozusagen ist das Kunstwerk immer ein Fenster zur Seele, zum Leben des Schaffenden,
und somit wohl auch sehr intim.

5.) Kunst soll zum Kunstmachen anstiften!

Was gäbe es Schöneres, wenn jemand durchs Museum läuft, völlig inspiriert wird,
und auf einmal beschließt, selbst Kunst zu machen? Wenn der Virus des Kunstmachens
sich ausbreitet, höchst infektiös wirkt und jeder “auf’s Geschmäckle” kommt? Sicher
ist das ein frommer Wunsch und garantiert erschaffen wir so keine Milliarden
Piccassos, doch das ist auch nicht nötig. Kunst als Beschäftigung und Erfüllung
für alle, nicht nur für gelernte Maler, Kunstwissenschaftler, Celebrities, Reiche
oder Einflußreiche!

6.) Kunst soll heilen!

Eine weitere noble Eigenschaft von Kunst, die ohne Frage den Menschen viel Gutes
bringen kann. Ansätze, die zum Thema haben, dass man Behinderte mit Kunst ein wenig
aus ihrer vielleicht autistischen Situation herausholt, sie durch Licht, Form, Farbe
stimuliert, beweisen, wie wichtig es sein kann, Kunst für Gesundung anzuwenden.
Menschen, die Schlimmes erlebt haben, und dies durch ihre Kunst aufarbeiten, haben
ein mächtiges Werkzeug in der Hand, mit dem sie anderen vielleicht auch deutlicher
sagen können, vielleicht ohne Worte, was sie empfinden.

7.) Kunst soll (k)einen Wert haben?

Unwillkürlich denkt man da an Geld, den Kunstmarkt und schweineteure alte Meister,
die man gerne als finanzielle Absicherung aus dem Museum moppsen würde. Andersrum
gedacht: hat Kunst immer einen Wert? Für den Schaffenden sowieso (oder absichtlich
doch nicht?), für die Betrachter dann, wenn sie die Kunst “gut” finden? Sind die
ethisch vertretbaren Wertvorstellungen von Kunst immer intellektuell, niemals
materiell? Kann es einen Künstler geben, der seine Kunst absichtlich auf den Müll
wirft, nachdem er sie erschaffen hat? Oder einen Künstler, der den Wert seiner
Kunst darin sieht, dass er sie an möglichst viele Menschen verschenkt?

8.) Soll Kunst extrem sein?

Anlehnend an 2.) und 3.) könnte man postulieren, dass Kunst die Extreme der
menschlichen Seele ausloten müßte, bis zur Grenze des legal Erlaubten. Dies wahrlich
nicht aus reinem Spaß an irgendeiner perversen Freude, sondern mit klar definierten
und sorgfältig intellektuell reflektierten Zielen. Möglicherweise kann extreme
Kunst, welchen Lebensbereich des Menschen (Liebe, Sex, Gewalt etc.) sie auch
thematisiert, am ehesten für Resonanz sorgen, und primitiv näher an unserer Basis
als “emotionales Urviech” gelangen. Doch stellt man sich IMMER dem Vorwurf der
simplen Effekthascherei, immer größere Skandale und Explosionen zu benötigen,
um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu generieren. Fans der leisen Töne werden all
dem sowieso immer eine Absage erteilen.

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About sovalkon

I am the Grey Knight.

Posted on May 4, 2012, in Art and tagged , . Bookmark the permalink. 1 Comment.

  1. Die Diskussion darum, was Kunst zu leisten hat/vermag, scheint derzeit jedenfalls einigermaßen virulent: http://www.zeit.de/2012/19/Berlin-Biennale

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