Monthly Archives: August 2012

Die Sucht, besonders sein zu müssen.

Es scheint, als wären in der heutigen Zeit sehr viele Menschen auf der
Suche nach Alleinstellungsmerkmalen, um ja nicht in die verachtenswerte
Schublade der “STINOS” (Stino = Abkürzung für Stinknormale) oder
“Normalos”/”Spießer” einsortiert zu werden. In einem fast gehetzten
Reigen aus Abseitigkeiten, körperlicher oder mentaler Natur, wird
versucht, sich extrem von der Durchschnittsbevölkerung abzuheben, die
anscheinend ob ihrer tumben Lebensart mehr als verabscheut wird.

Die einen klatschen sich den Körper mit mehr oder weniger sinnvollen
Tattoos zu, die anderen haben so viel Metall am/im Körper, dass sie
Gefahr laufen, von Metallbanditen gemopst zu werden. Wieder andere
suchen sich die freakigsten Style-Gewänder, ob nun undersexed, vintage
oder severly oversexed durch alle Fantasy- oder Realzeitepochen,
ergänzt durch das farblich perverseste Makeup in Augenkrebs erregenden
Farben.

Außen “anders” genügt nicht! Nun gehts im Inneren weiter auf der Hatz nach
“Being Besonders”: manche sagen, sie hätten eine schwarze Seele. Okay,
ist das nun die babyopfernde Satanistenschwarzseele, oder eher die
grabsteinschmusende Melancholieseele? Andere sagen stolz, sie wären
Punker, Rocker, Metaller, was-auch-immer, je nach Musikrichtung. Zumindest
könnte man dort unter entsprechender musikalischer Ausrichtung nachsehen,
was Sache ist. Aber Vorsicht, was, wenn sich ein finster-böser Black Metal
Jünger als total kinderlieber Familienpapa rausstellt? Gedankliche
Dispositionen dieser Art mögen gegenüber anderen Alleinstellungsmerkmal-
suchenden Toleranz üben, oder eifersüchtigen Abgrenzungswahn, aber
gemeinsamer Feind ist der Mob der Normalen, die es zu kritisieren gilt,
die man regelrecht verachtet und aus deren Reihen man ja niemals hervorging.
Ah, es bietet sich noch jede Menge Religion an, wenn man besonders sein
möchte: ob es nun exklusiver Tantra-Kult wäre, in dem man unaussprechliche
Erotikextase praktiziert, oder naturverbundene Wicca-Religion, in der das
arme Geschlecht der Frauen auch endlich mal was zu sagen hat, oder eben
doch guten alten Nihilismus-Satanismus, in dem man neben höchst verbotenem
Sex noch höchst verbotener über die armen Christen ablästern darf. Ach ja,
Sex ist auch noch so ne Sache zum Sich-Besonders-Machen, es bietet sich an,
das perverseste, schweinischste BDSM-Buch auszuleihen, sich total in Plastik-
Fantastik zu kleiden und dann auf endlosen Parties mit mehr oder weniger
geschmackvollen Praktiken/Partnern deutlich zu signalisieren: ja, ich bin
anders!

Am Ende bleibt, mit Verlaub, immer noch jemand übrig, der wie alle anderen
den Trivialitäten und Problemchen der Welt ausgeliefert ist. Ob sich nun
ach so böse Satanisteneheleute drum kloppen, wer dem Baby die Windel wechseln
muß, oder die Wicca dann doch eingesteht, dass sie gerne bei ihrem Mann
im Arm gekuschelt einschläft, oder sich zwei Extrempunks dann doch mal
bei ner Tasse Tee vom Festivalstreß erholen. Zu verurteilen ist nur die
Haßfront gegenüber den Normalos, den Stinos und den Durchschnittsmenschen,
da jeder Alleinstellungsmerkmalsüchtige damit nur das eigene Nest beschmutzt,
denn niemand kann gewissen Normalitäten entfliehen, die wir alle in uns
haben und die auch keine Leugnung verdient haben. Toleranz wirkt zudem in
beide Richtungen.

Fenstersturz

Nichtsahnend macht man sich auf zu einer sommerlichen LAN-Party mit Freunden,
kommt an, macht es sich bequem und schaut den Leuten bei einer Freeze Mod
Quake 3 Runde zu, ereignet sich das Unfaßbare:

Es läßt einen tierisch lauten Schlag, einige von uns rennen aus der kleinen
Werkstatt, wo alle unsere Rechner stehen, hinaus, und sehen eine regungslose
Frau auf dem Boden liegen! Es besteht kein Zweifel, was den Schlag ausgelöst
hat: diese Frau ist, ob nun freiwillig oder unfreiwillig, aus dem vierten
Stock gefallen! Einer von uns ist so tapfer, fühlt ihren Puls, sofort rufen
andere Polizei und Notarzt. Ich selbst wage mich nicht heran, sehe nur die
reglose Form am Boden und bringe es nicht fertig, näher heranzugehen, die
Frau liegt mit dem Gesicht zum Boden auf dem Asphalt, später wird erzählt,
eine Blutlache breitete sich an ihrem Kopf aus.

Notarzt und Polizei kamen an, Wiederbelebung war erfolglos und später sah
ich nur noch den grauenhaften Leichensack daliegen. Formalitäten beherrschten
die Szene, man wurde nach allem befragt, die Polizei nahm sich alle Parteien
des Wohnhauses vor. Man munkelte, es wäre Frau B., die dort läge. Ihr Tod
war zweifelsfrei festgestellt worden. Aus dem Fenster gesprungen, mit Kopf
und/oder Hals aufs Fahrradvordach geprallt, dann auf den Beton des Hinterhofs.
Gottseidank hatten wir nur den abartig lauten, brutalen Schlag gehört,
und nichts gesehen.

Es verändert einen, wenn man den Tod sieht. Und vielleicht wäre es weiser
gewesen, wie einige von uns, einfach in der Werkstatt zu bleiben und die
tote Frau nicht anzusehen. Alle Partygedanken verschwunden und von der
Polizei wegen der Spurensicherung vom “Tatort” vertrieben, machten wir uns
auf und wanderten zu einem Biergarten, wo wir verstört, nachdenklich und
kleinlaut sehr lange saßen und darüber zu reden versuchten. Der Tod, der
Selbstmord, der Unfall, was auch immer es letztlich war, drang ungefragt
in unsere Sphäre ein, der laute Schlag war ein gewaltsamer Akt, der uns
miteinbezog, uns keine Wahl ließ, wegzuschauen, wegzuhören oder dieses
Ereignis zu umgehen. Sprang die Frau? Und tat sie es, weil sie vor Publikum,
uns, sterben wollte? Oder war es ein Unfall? Oder noch schlimmer, ein
Attentat ihres Lebensgefährten? Das wird alles die Polizei zu klären suchen.

Jetzt, längere Zeit danach, ist das mulmige Gefühl im Bauch geschwunden,
wenn ich an diesen Vorfall denke, aber die Nachdenklichkeit bleibt. Am
nächsten Tag sah ich junges, freudiges Leben auf einem Mittelalterfest,
Kinder, die herumtollten, Babies, die auf dem Arm ihres Vaters lachten
und mich ansahen. Der Tod war in Kostüm unterwegs, am liebsten hätte ich
ihm gesagt, dass ich ihn zwei Tage zuvor gesehen habe, live, in Farbe,
ganz und garnicht witzig oder lustig. Essenz all dessen ist: freuen wir
uns des Lebens, gedenken wir der Toten, lernen wir unsere Lektionen, wenn
wir dem Tode ansichtig werden müssen, aber lassen wir es nicht zu, dass
das Ende des Lebens anderer, sei es gewaltsam oder nicht, unsere eigene
Lebensfreude gänzlich erstickt.