Fenstersturz

Nichtsahnend macht man sich auf zu einer sommerlichen LAN-Party mit Freunden,
kommt an, macht es sich bequem und schaut den Leuten bei einer Freeze Mod
Quake 3 Runde zu, ereignet sich das Unfaßbare:

Es läßt einen tierisch lauten Schlag, einige von uns rennen aus der kleinen
Werkstatt, wo alle unsere Rechner stehen, hinaus, und sehen eine regungslose
Frau auf dem Boden liegen! Es besteht kein Zweifel, was den Schlag ausgelöst
hat: diese Frau ist, ob nun freiwillig oder unfreiwillig, aus dem vierten
Stock gefallen! Einer von uns ist so tapfer, fühlt ihren Puls, sofort rufen
andere Polizei und Notarzt. Ich selbst wage mich nicht heran, sehe nur die
reglose Form am Boden und bringe es nicht fertig, näher heranzugehen, die
Frau liegt mit dem Gesicht zum Boden auf dem Asphalt, später wird erzählt,
eine Blutlache breitete sich an ihrem Kopf aus.

Notarzt und Polizei kamen an, Wiederbelebung war erfolglos und später sah
ich nur noch den grauenhaften Leichensack daliegen. Formalitäten beherrschten
die Szene, man wurde nach allem befragt, die Polizei nahm sich alle Parteien
des Wohnhauses vor. Man munkelte, es wäre Frau B., die dort läge. Ihr Tod
war zweifelsfrei festgestellt worden. Aus dem Fenster gesprungen, mit Kopf
und/oder Hals aufs Fahrradvordach geprallt, dann auf den Beton des Hinterhofs.
Gottseidank hatten wir nur den abartig lauten, brutalen Schlag gehört,
und nichts gesehen.

Es verändert einen, wenn man den Tod sieht. Und vielleicht wäre es weiser
gewesen, wie einige von uns, einfach in der Werkstatt zu bleiben und die
tote Frau nicht anzusehen. Alle Partygedanken verschwunden und von der
Polizei wegen der Spurensicherung vom “Tatort” vertrieben, machten wir uns
auf und wanderten zu einem Biergarten, wo wir verstört, nachdenklich und
kleinlaut sehr lange saßen und darüber zu reden versuchten. Der Tod, der
Selbstmord, der Unfall, was auch immer es letztlich war, drang ungefragt
in unsere Sphäre ein, der laute Schlag war ein gewaltsamer Akt, der uns
miteinbezog, uns keine Wahl ließ, wegzuschauen, wegzuhören oder dieses
Ereignis zu umgehen. Sprang die Frau? Und tat sie es, weil sie vor Publikum,
uns, sterben wollte? Oder war es ein Unfall? Oder noch schlimmer, ein
Attentat ihres Lebensgefährten? Das wird alles die Polizei zu klären suchen.

Jetzt, längere Zeit danach, ist das mulmige Gefühl im Bauch geschwunden,
wenn ich an diesen Vorfall denke, aber die Nachdenklichkeit bleibt. Am
nächsten Tag sah ich junges, freudiges Leben auf einem Mittelalterfest,
Kinder, die herumtollten, Babies, die auf dem Arm ihres Vaters lachten
und mich ansahen. Der Tod war in Kostüm unterwegs, am liebsten hätte ich
ihm gesagt, dass ich ihn zwei Tage zuvor gesehen habe, live, in Farbe,
ganz und garnicht witzig oder lustig. Essenz all dessen ist: freuen wir
uns des Lebens, gedenken wir der Toten, lernen wir unsere Lektionen, wenn
wir dem Tode ansichtig werden müssen, aber lassen wir es nicht zu, dass
das Ende des Lebens anderer, sei es gewaltsam oder nicht, unsere eigene
Lebensfreude gänzlich erstickt.

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About sovalkon

I am the Grey Knight.

Posted on August 11, 2012, in Blaschanek Blogovsky. Bookmark the permalink. Leave a comment.

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