Category Archives: Kunstgruppe

Was während eines ZKM Workshops entstand, und sich nun Chaosartisten nennt…

Befreiungsschlag! Oder wie man lernt, Egoist zu sein.

Kunstproduktion in der Gruppe hat immer seine Tücken, vor allem, wenn einer die
Regie übernimmt, schleichend, ein wenig vorsichtiger als sonst, und dann beginnt,
Aufgaben zu delegieren. Sozusagen ist man dann Erfüllungsgehilfe, innerhalb
definiterter Parameter, oder Maitre des Affaires, kriegt die Orga aufgedrückt,
oder schreibt Texte, die der Projektinitiator doch auch selbst verfassen könnte.
Das muss alles nicht mal böswillige Diktatur sein, manche sind automatisch so,
realisieren ihre Kunst, brauchen Helfer, Kumpanen oder Mitkünstler, das ist ja
eigentlich kaum verwerflich.

Doch gibt es Leute, die wollen das nicht, Mitarbeiter zu sein, vor allem schon
aufgrund schlechter Vorerfahrungen, oder dem schlichten Drang danach, frei zu sein.
Schummelnd lügnerisch behauptend, man sei für Gruppenkunst nicht geschaffen, um den
Vereinnahmungen eines Einzelnen zu entgehen, ist zwar nicht das Gelbe vom Ei,
aber vielleicht taktvoller als direkt, laut schallendes NEIN!

Wie auch immer, altruistische Handlungsweise in der Kunstgruppe kann einen selbst
zum ewig Mithelfenden verdammen, der zwar engagiert ist, der Gruppe etwas vielleicht
auch Wichtiges schenkt, aber selbst nie was Eigenes schafft, da er beschäftigt
damit ist, für andere zu arbeiten, und das im wahrsten Sinne: arbeiten. Und in
meiner Freizeit will ich nicht “arbeiten”, oder zu “Arbeitsessen” gehen, oder
“Kosten auf alle umgelegt” haben.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man durchaus Gruppenzusammenhalt und
Freundschaften erhält, indem man sich Projekten versagt, klar macht, dass man
mit manchen einfach zusammen keine Kunst machen kann, schon allein der Harmonie
wegen, und des Nervenschonens beider Seiten. Egoismus ist in heutiger Zeit
so manches Mal angebracht, denn schließlich gibt es durchaus viele, die alles
andere gnadenlos ausnutzen, sei es nun mit böser Absicht, oder eigenem
autokratischen Zwang.

Advertisements

Viva la Freiheit! (Was, schon wieder?)

Wenn enthusiastische Fanatikpanzer komplimentierend diktatorisch durch die Gegend
rollen und im Namen der generösen Herrschaft des gütigen Königs delegieren,
befehlen und treusorglich bitten, wird es Zeit, die Koffer zu packen. Schnell
ein Pferd gesattelt, die Habseligkeiten zusammengesucht, Bücher der Freiheit
auf den Rücken geschnallt und fort geht es, an neue Gestade, nicht der
Einsamkeit, aber der sorgsam selektierten Basisdemokratie.

Hiermit erkläre ich den sofortigen Austritt aus den “Chaosartisten”!

Das Label sollen andere zum sehnlichst geträumten Erfolg führen, sich ihren
wagneresken Fantasien dezibelstark hingeben und ihr Innerstes dem gaffenden
Auge der Kamera offenbaren, und all jenen, die mit Speis und Trank gelockt,
dem Ganzen applaudieren oder eher stumm verlegen nach Wegen suchen, dieser
Kunst zu entkommen … wenn es denn welche ist?

Soll der König doch denken, wir sind feige, risikoscheu, keine echten Künstler,
keine treuen Vasallen, keine guten Arbeiter, ewiglich alles zerredend, zweifelnd,
und nie etwas zustandebringend? Do we care? Wir Geistesgötter der wahren
Freiheit, die wir im Gartenhäuschen der Kunst Tee schlürfen und uns darüber
lüstern streiten, ob es nun “Vulvae” oder “Vulvoi” heissen mag. (Und wir alle
wissen, dass es in Lemuria, Pangäa und Atlantis IMMER letzeres hieß!)

Wir wollen reden, und vielleicht machen, wir sind respektvoll gegenüber jenen,
die ihr Wissen mit uns teilen und akzeptieren, dass wir wissen, nichts zu
wissen oder doch mehr als der gewöhnliche Gesell. Und wir möchten nicht
Teil eines Kunstprojekts werden, egal, wie gütig der König uns beschwichtigt,
von dem wir denken, dass er seinen Ruhm mehren will, auf unseren Schultern?
Oder doch eher fürsorglich unser aller Berühmtheit! Doch vermessen sind solche
Pläne, wieviel andere sind da schon gescheitert!

Ich selbst, lieber König, kann nicht mit Prosaikern Kunst machen, bin lyrisch,
poetisch so enorm viel anders, als du es bist. Mach mir keine Komplimente, ich
durchschaue dich, unwillige, zweifelnde Untertanen willst du auf Linie bringen,
du Fabrikant der Kunst, in seinen neuen Kleidern als allzu gütiger König,
beteuernd, dass wir alle so unendlich viel Zeit haben, immer nur für dich und
deine Visionen. Und Finger weg, O treu sorgender König, von meiner Kunst,
ich gebe sie dir nicht, sie ist mein, ich mache sie selbst, und keiner anderer
wird sie verbessern, oder … verschlimmbessern!

Liebster König, der du niemals mein Souverän warst, du wirst dich herab-
begeben müssen, als gemeiner Gesell und Bauer, wie wir alle, wenn du unserer
Gesellschaft noch frönen magst, und mich kannst du nicht mehr gewinnen für
deine Visionen, ich werde mich nie wieder oder jemals? unter dein Joch
begeben. Delegiere andere, befiehl und bitte andere, denen es leichter
fällt, die mehr mit dir gemeinsam haben, dein geistiges Fundament teilen,
es mehr Spaß bereitet, mit dir das zu schaffen, was du vor deinem inneren
Auge so drängend siehst.

Kunst machen und die eigene Befindlichkeit

Man stolpert vielleicht so rein, ins Kunstmachen, enthusiastisch mitgerissen,
oder selbst freiflüglerisch segelnd, und findet sich inmitten unzähliger
Möglichkeiten wieder! Und man will zeigen, was man so macht, per Bild und
Video und Printmedien und Internetauftritt! Vernetzungen erscheinen wichtig,
reaching out to many other People! Schlußendlich könnte auch ein Fünkchen
Ehrgeiz und Anerkennungsheischen ne Rolle spielen.

Aber manche stoppen da. Sich den Blicken anderer aussetzen, bedeutet immer
auch Kritik, Spott oder vielleicht im “harmlosesten” Fall mildes Belächeln.
Wer Nischen wie Performance besetzen mag, sich selber zeigt, körperlich
und psychisch, der muss auch damit zurechtkommen, nicht nur mit den
Stimmen von außen, aber auch denen von innen, die so manches Mal sehr
empfindlich skeptisch klingen können.

Kunst in der Gruppe! Was, wenn es da so unendlich viel zu klären gäbe?
Unterschiedliche Visionen der Qualität, die einen projektorientierte
Produzenten, die anderen anti-ehrgeizige Rebellenfreigeister? Enthusiastische,
zuweilen auch fanatische Macher gegen introverierte Talker? Möchte man
überhaupt Projekte anderer realisieren, daran mitarbeiten, oder fixiert
man sich lieber egozentrisch auf die eigene Kunst?

Weiß man denn so manches Mal überhaupt, was “eigene Kunst” bedeuten mag?
Ist es nicht klüger, das vorher zu erforschen, bevor man sich Gruppen-
arbeit widmet? Und wäre es nicht auch ein Entwurf, dass jeder seine
eigene Kunst in die Gruppe bringt; Materialschauen veranstaltet werden,
die zeigen, womit und wie Kunst auch gemacht werden und man sich
schließlich auch unendlich lange darüber austauscht, was man denkt
und fühlt, bevor man sich in Gruppenprojekte stürzt.

Oder es gibt Strömungen in einer Gruppe, die drängend nach vorne wollen,
Räume besetzen, diese obig schon erwähnten enthusiastischen Macher,
an denen beleibe nichts Schlechtes ist, doch nur dann, wenn sie andere
Stimmen mißachten, und delegierend das Sagen übernehmen, für ihre
eigenen Projekte, die sicherlich für sie selbst am wichtigsten erscheinen.
Da ist aber jeder Einzelne gefragt, das anzunehmen, aus freien Stücken
und mit Freude, oder sich zurückzuziehen, nicht grantelnd, aber
gedankenvoll weise und sich selbst kennend.

Realität vs Kunstschaffen

Man nimmt sich viel vor, hat Pläne, will Kunst machen, sprüht vor
Ideen und hat lauter Freunde, denen es ähnlich geht. Kommt man
zusammen, entwirft man, brainstormed, erörtert, verwirft wieder
und verlebt nen schönen Abend mit Speis und Trank.

Im Alltag holt einen dann etwas ein, was wir vielleicht abschätzig
als die grausame Realität kennen: die Arbeit, vielleicht unliebsamer
Klotz am Bein des Kunstschaffenden, raubt viel Zeit, persönlich
Privates wird wichtiger, Probleme der eigenen Sozialität überschatten
die Schaffenskraft, schlußendlich herrschen vielleicht auch
Divergenzen persönlicher Natur zwischen Leuten einer Gruppe, die
Kunst (auch zusammen) machen wollen.

Wären wir alle reich, vermögend und/oder berühmt, so könnten wir
uns luxuriöse Orte leisten, den ganzen Tag künstlerische Energie
akkumulieren, stimuliert von Musen unserer Wahl, und nonchalant
in den Tag hineinleben, den Malerpinsel ermattet fallenlassen
oder die wunden Finger vom Tippen auf der Schreibmaschine in
Zitronenwasser kühlen. Ja, … wären wir …

Sind wir aber nicht. Manchmal muss man sich irgendwie aufraffen, vor
lauter Alltag, Realität und sinntötender Stumpfheit und endlich mal
was in die Hand nehmen, etwas machen, statt immer nur drüber zu
reden. Doch das kann tierisch schwer sein, überschattet von so
vielen, auch negativen, Dimensionen der menschlichen Existenz im
real existierenden Kapitalismus, der das Wort sozial auf seiner
Reise durch die Zeit vergessen hat.

Vielleicht motiviert uns aber der unbequeme Stachel unserer
eigenen Unzufriedenheit in einem ausbeuterischen System, das die
Kleinen schröpft und die Reichen immer fetter werden läßt, etwas
dagegen zu unternehmen, mittels der Kunst, rhetorisch, malerisch,
performerisch, demonstratorisch? Der liebe alte Leidensdruck, so
sagen die Psychologen, könnte ein Ventil zum Explodieren bringen
und Kreativität bewirken, immer noch gegengesteuert, durch eine
wohlmeinende Ethik des Disagreements!

Das Manifest der Chaosartisten

Die Kunstgruppe der Chaosartisten, welche sich vielleicht einen neuen Namen
geben müssen, formulieren hiermit ihr Manifest, welches ihnen selbst und
auch anderen Halt und Stütze sein soll, beim Kunstmachen, beim über Kunst
reden, beim Kunst genießen und bei all jenen Belangen, die vielleicht wichtig
werden könnten im täglichen Chaos unserer Existenz. Es sei erstaunlicherweise
bemerkt, dass viele dieser nachfolgenden Schlagworte und Ideen-Schnippsel doch
sehr gesellschaftskritisch anklingen, vielleicht ein gemeinsamer Grundnenner
unserer künstlerischen Disposition, die noch so unendlich weit am Anfang steht.

Die Säulen unserer Kunst

Die neue Achtsamkeit / Bedachtsamkeit

Entschleunigung, der Blick für das Kleine, Fragmente, mikrokosmische Dinge,
scheinbar Unbedeutendes, Gegensatz zur Leistungsdoktrin der modernen
Kapitalistengesellschaft, Nachdenklichkeit und geistige Spaziergänge ohne
Eile; Vorsicht, Rücksicht und Umsicht mit allen Dingen, vielleicht auch
eine positiv zu deutende Langsamkeit, die Zeit zum Atem holen läßt,
Abfahrt von der Überholspur-Raserei des täglichen Lebens.

Absurdistan / Viva la Blödsinn!

Absurdes erleben wir täglich, sei es beruflich oder privat, lernen wir, es zu
erkennen, zu benennen und damit zu spielen, es als Waffe gegen die zwanghafte
Sinnsuche gesellschaftlicher Kosten/Nutzen-Regularien zu verwenden, Absurdes,
Sinnloses, Blödsinniges ist das Werkzeug des Schalks, des Narren und vielleicht
auch des Künstlers, um gesellschaftliche Mißstände anzuprangern! Gibt es
jemals etwas ohne Sinn? Selbst eine Performance des absoluten Blödsinns bewirkt
etwas, ist etwas, und läßt etwas erdenken, erfühlen?!

Kunstvillagartenhäuschenhütte

Der geistige und physische Ort unseres Kunstschaffens, an anderer Stelle auf
diesem Blog schon als “Kunstvilla” thematisiert, nun erweitert durch angenehme
Begriffe von Örtlichkeiten, an denen man sich weitab von Wolkenkratzern und
Stadtlärm wohlfühlen kann: Garten, Häuschen, Hütte, Ruhepol des Chillaxings,
gleichzeitig auch Schaffensort für Kunst. Ein freier und liberaler Platz
ohne Zwänge, wo Kunstfabrikanten und Kunstdiktatoren der Eintritt nicht
verwehrt wird, es diesen aber sicherlich zu freigeistig zugehen wird, und sie
dann ganz von selbst wieder verschwinden.

Die positive und negative Tristesse

Ein schwieriges Konzept: negative Tristesse als künstlerisches Mittel, um die
Höher-Schneller-Weiter-Doktrin als das zu entlarven, was sie ist, nämlich eine
ins Nichts führende Übersteigerung und Perversion? Sexuelle Ausschweifung und
Perversion führt ohne sinnvolle Mäßigung genau zu diesem Punkt negativer
Tristesse, dem Absturz in das Loch der Bedeutungslosigkeit, wo alles erlebt ist,
nichts mehr erfüllt, und das Bisherige umso mehr in Frage steht. Tristesse als
positiver Punkt der Stille, Einkehr, ein Platz aus Nichts und grauer Wand, der
einen Menschen verharren läßt, ihn zum Zentrum völliger Stille macht?

Die Suche nach dem Echten

Heute sind wir umgeben von Illusion, Täuschung, medialer Verwirrung und Propaganda.
Erwartungshaltungen erschaffen Chamäleonmenschen, die sich zwanghaft anpassen, ihre
echte Natur verleugnen; gesellschaftliche Ideologie kreiert den leistungsfähigen
schönen Schlankheitsfaschistenübermenschen, der alles unternimmt, seine Echtheit,
seine Makel durch Chirurgie oder Puderdöschen zu verbergen oder zu negieren. Das
Echte ist ein sorgsam zu pflegendes Gut, echte Emotion scheint in der heutigen Zeit
der goldene Schatz hinter dem Regenbogen zu werden, nach dem alle hungern. Über
romantische Konzepte wie wahre – also echte – Liebe hört man mißgünstige Murmeleien,
offene Verhöhnung oder pessimistische Negierung. Ein Paradebeispiel des Unechten
stellt in vielen Fällen die Pornografie dar, und dennoch ist sie beliebt wie nie,
als Surrogat, als Ersatzhandlung, in Zeiten, in denen sich die Menschen immer
mehr entfremden.

Der Zweifel

Und noch ein schwieriges Konzept: ist der Zweifel in uns Menschen bereits eine feste
Größe, immerwährender Begleiter, sei es in religiösem Belang, in schaffenskräftigen
Handlungen oder in unserer geistigen Welt? Kann uns das Zweifeln vor Fehlern bewahren,
eine ethische Instanz verkörpern, oder soll man nach zweifelsfreien Wahrheiten streben,
den Status des homo sapiens superior erreichen? Tappen wir in die Falle des Nicht-
Zweifelns und werden Ideologen und Dogmatiker? Kann ich an der modernen Gesellschaft
und ihren neuen Werten der Leistungsfähigkeit, des Jung-und-Schön-Seins und des
Sozialprestige-Wettrennens (“mein Haus, mein Auto, mein Boot, meine Frau(en)”) zweifeln?
Ja! Und dies kann künstlerisch sehr befruchtend sein!

Viva La Kunstvilla!

Nach einigem Nachdenken und dem Wälzen verschiedener, auch emotionaler
Positionen beziehe ich eindeutig und unwiderruflich Stellung:

JA, ICH BIN EIN KUNST-VILLA BEWOHNER!

Und das verdammt nochmal gerne. In der freien, antikapitalistischen
und sozialen Kunstvilla ist Platz für verschiedene Ansichten, herrscht
kein Schaffensdruck oder dämlicher Leistungsindex, sondern eine
Mischung aus Spaß an der Kunst, zwanglose Freude am Schaffen und vor allem
auch intellektuellem Austausch über Kunst an sich. Alle Zeit der Welt
haben wir, zu reden, zu genießen, zu essen, zu trinken, und uns den
schönen Dingen des Lebens hinzugeben, mit dem chaotisch schöpferischen
Kunstgedanken, der jederzeit ausgelebt werden kann, aber niemals muß.
Wahre Basisdemokratie braucht keine Abstimmrituale, sondern lebt von
der Rücksichtnahme und dem Respekt jedes Einzelnen zu den Anderen.
Automatisch ist es unmöglich, übergangen zu werden, und wirklich jeder
ist in seiner emotionalen Befindlichkeit berücksichtigt. Die Kunstvilla
ist ein sicherer Hafen für alle Freigeister, ein Alchimielabor (Danke
an Tom für diesen passenden Ausdruck!) und ein Quell des Lebensgenußes,
der neue Kraft abseits der hektischen Alltagswelt schenkt.

Ich lasse es nicht mehr zu, dass mir engstirnige, kapitalistische
Kunstfabrikanten Dinge aufbürden, die weder ausgegoren sind, noch
meinen Wünschen entsprechen. Ich brauche keine Anerkennung großer Museen,
die doch nur ihre eigene Bauchpinselung als vorrangiges Ziel haben. Und
ich muss in keine Künstlerkreise eindringen, oder mich andienern, die
von mir nur überdimensionales finanzielles Engagement fordern, und
deren gönnerhafter Rat meiner freien Entfaltung im Weg steht. Ich muss
kein Prestige anhäufen, nicht auf Ausstellungen Popanz betreiben, damit
ich ein anerkennendes Kopfnicken ernte, oder vom Chef eines Museums
meine Werke auf drölfzigtausend Euro geschätzt bekomme. All das ist
die kapitalistische Kunstmarktmühle, deren ungerechte Regeln für andere
gelten können, die hoffen, darin die Ränge emporklettern zu können. Ich
will keine festen Pläne machen, keine illusionären Erfolgsträume hegen,
und absolut garnicht unter einem Kunstfabrikantenchef dessen Visionen
nachfolgen.

Ich kann nur einen Aufruf an alle werdenden oder wachsenden Künstler
starten, ihre eigenen Kunstvillen zu bauen, luftig und frei, niemals
voller Zwang und Leistungsdenken, Orte der Entspannung, aber auch der
hitzigen Diskussion. Kunst entsteht dann von ganz allein, aus Chaos
und tiefen Gedanken, oder Jux und Dollerei, Blödsinn, gesundem
Wahnsinn, und allem, was die Emotion des Menschen hervorbringen kann.
Das sind private Dinge, intime Dinge, die nicht für die Öffentlichkeit
bestimmt sind…. oder doch? Kommt dann jemand und sagt: Mensch, das
ist toll, das müssen andere sehen! Und jedes Mal hat man die Wahl,
dem zu entsprechen, wirklich eine Ausstellung zu machen, aus Überzeugung,
mit Anspruch, Tiefgang oder voller Kritik an allen Systemen, die uns
das Leben schwer machen. Endlose Möglichkeiten eröffnen sich, alle
sind zugelassen, nichts muß getan werden. Freier, entspannter, gesunder
und glücklicher kann Kunstschaffen nicht sein! DAS ist die Vision
aller, die dem Kunstvilla-Gedanken anhängen.

Kunstfabrik vs. Kunstvilla

Künstlerische Gruppen, wenn sie sich neu zusammenfinden, haben einige
Parameter ihrer Arbeit zu definieren. Im Rahmen der Chaosartisten
tauchte nun die Fragestellung auf, welchem idealistischen Modell man
sich widmen sollte:

“Kunstfabrik” – das meint eine definierte, zielgerichtete Arbeitsweise
der Kunstproduktion mit dem Ziel, ein Portfolio der eigenen Anstreng-
ungen zu schaffen. Dafür werden beispielsweise zwei künstlerisch
aufwendige Performances/Arbeiten pro Jahr eingeplant, es werden
Überlegungen unternommen, die eigenen Kontakte zu Künstlern sowie
Netzwerken auszubauen und schlußendlich auf Ausstellungen präsent
zu sein. Eine Schätzung der eigenen Arbeit durch berufene und
kundige Personen ist ebenfalls wünschenswert. Kunstfabrikanten
legen Wert auf Außenwirkung, steigenden Bekanntheitsgrad und vielleicht
sogar finanziellen Erfolg. Die Gefahr einer solchen Auffassung sehe ich
darin, dass der freie, künstlerische Geist einem Arbeitsethos untergeordnet
wird, der zwanghaft Originalität und Kreativität fordert und künstlerisch
schaffenskräftiges Chaos/Freiheit beseitigt.

“Kunstvilla” – das bedeutet eine freundschaftlich, zwanglose Atmosphäre
des lockeren Austauschs ohne feste Zielrichtung. Kunst ist Selbstzweck
und muss niemandem präsentiert werden, auch wenn das selbstverständlich
geschehen darf. Alles ist eine Zusammenkunft von Freigeistern, die
oftmals einfach nur die Gesellschaft der anderen geniessen und eher
spontan künstlerische Ideen verwirklichen. Eigene Kunst ist nicht
durch andere legitimiert, muss nicht mit einem Wert versehen werden
und existiert primär für die Schaffenden selbst, die ihre Arbeiten
jedoch jederzeit anderen zugänglich machen können. Auch eine Kunst-
villa birgt Unwägbarkeiten, nämlich eine derartige Unverbindlichkeit,
dass es durchaus zu sehr wenig künstlerischem Output kommt und man
sich eher einem Gesprächs- bzw. Freundeskreis zugehörig fühlt als
einem aktiven Schaffenskreis.

Für die Chaosartisten stellt sich momentan die Frage, welchem Pfad man
folgen soll. Wie denken die einzelnen Beteiligten der Gruppe darüber,
gibt es sogar eine Fraktion, die sich dem Kunstfabrik-Gedanken
anschließt, eine andere, welche die Idee der Kunstvilla favorisiert?
Und wird es gelingen, zu vermitteln und einen Mittelweg zu finden,
der alle Teilnehmenden mit ihren durchaus verschiedenen Charakteren
unter einen Hut bringt?

Ein ZKM-Workshop in 2011 …

Eine Tür wurde aufgestoßen.

The Global Contemporary – “Local Art”, ZKM Karlsruhe

Alles begann mit einem ZKM-Workshop namens “Local Art”, der harmloser nicht hätte
sein können: einige Termine für die (Museums)Aufsichten und Shop/Infotheken-
Mitarbeiter(innen), an denen man sich mit der Ausstellung “The Global Contemporary.
Kunstwelten nach 1989.” beschäftigt, und eigene Ideen rund ums Thema Kunst verwirklicht.
Während all dem stellte sich heraus, dass kreativer Geist in den Leuten an der Basis
schlummerte, wo so manche nur geistiges Brachland vermutet hätten. Kritik am System
war ein Ziel, eine Reise nach Absurdistan in jedem Falle gebucht. Doch wehe den
Besiegten, also sannen wir auf etwas anderes, nicht verträglicher, aber subversiver:
Wir wollten im Absurden unterschwellig kritisierend sein, unsere Sichtweise einarbeiten,
und generell demonstrativ zeigen, wer wir waren und was wir dachten. So schufen wir
unsere künstlerischen Projekte:

“Prozession” – Videoperformance

Eine Prozession der Aufsichten mit Hüten und Schildern durch das Museum für Neue Kunst
im ZKM. Angelehnt an Meschac Gabas Werk seines Musée de l’Art de la Vie Active,
beschreiben die Hüte plastisch alle Verbote des Museums wie etwa “Nicht berühren!”,
während die Schilder all die Gebote des Museums aufzählen sollen, gleichsam Wünschen
an die Besucher: “Bitte geniessen!”, “Bitte kritisch sein!”, “Bitte erforschen!”. Die
Problematik eines Museums voller Verbote und Vorschriften wird gegen eine positive
Aufmunterung gesetzt, die den Menschen durch den notwendigen Verhaltenskodex hindurch
zu einer freien, mehr genießerischen Sichtweise des Museums hinleiten soll.

“Robert Wilson Aufsicht” – Videoperformance

Eine Museumsaufsicht in formaler Dienstkleidung, schwarzes Jacket, weißes Hemd, steht
vor einer Videoleinwand, auf der Kunst gezeigt wird. Absurde Elemente, wie die bunte
Kravatte, oder eine Banane in der Seitentasche konterkarieren ihre Arbeitshaltung, die
sich ab und zu unmerklich ändert, beispielsweise wenn die Hand zur Kravatte fährt, den
Sitz dieser zu überprüfen. Totale Förmlichkeit und Unnahbarkeit einer Museumsaufsicht
wird durch absurde Elemente durchbrochen, als ob der innere Mensch in der Arbeits-
kleidung zeigen will, dass er weit mehr ist, als ein schwarzer, stummer Wächter.

“A Security who cannot see Absurdity is no Security” – Installation

Das weiße Banner mit dieser Aufschrift, auf dem unsere Videos gezeigt wurden, formuliert
das Vermögen, im Alltag, in beruflicher Situation, und generell in allem auch das
Absurde zu erkennen, zu bewerten, es augenzwinkernd zu belächeln, und, falls möglich,
auch zu ändern, falls es negative Einflüße hat. Statt “Museum Guard” wurde absichtlich
“Security”, die “Sicherheit” gewählt, der allumfassende Begriff einer Institution, die
in Regularien, Befugnissen, Weisungsrechten, Eintönigkeit, Gefahrenpotential
introspektiv Erkenntnisinteresse beweisen sollte, statt in Frustration und
Scheuklappendenken zu verharren.

“Aufsicht_in_Residence” – Installation

Ein Stuhl, typisch für die Aufsichten, die Schrift (s.o.) davor und ein stilisiertes
Handy darauf, aus Pappe, das Hoheitszeichen der Museumsaufsicht im ZKM. Insgesamt
ein Seitenhieb auf die Bodenschriften der Ausstellung Global Contemporary, die sich
damit schmückte, sehr viele Artists_in_Residence auszustellen, die aber sehr lange
durch leere Stellen im Ausstellungsraum nur mit “Artist_in_Residence” gekennzeichnet
waren.

“Dark Knight” – Videoperformance

Eine Aufsicht mit Fechtmaske und Schwert vor einem Bild. Es werden aufdringliche
Besucher abgewehrt, erst mit strengen Worten, dann mit Hieben. Selbst dem Künstler
wird das Recht aberkannt, sein Werk zu berühren. Und erst am Ende gelingt es einem
verständigen Besucher, den gnadenlosen Wächter zu überzeugen, endlich Feierabend
zu machen. Hyper-Sicherheit, absurd mächtig, Kunst ist eingesperrt, und alle, die
sie ansehen/erfahren wollen, sind Feinde, plötzlich Angriffen ausgesetzt.

“Working Day” – Videoperformance

Zwei Aufsichten stehen sich dicht gegenüber. Sie rezitieren endlos im Zwiegespräch
die mahnenden Mantren ihrer Arbeit, die ihnen ständig aufoktroyiert werden:
“Nicht schwätzen!” – “Nicht zusammenstehen!”. Sie verstoßen gegen die Gebote, die
sie so eifrig rezitieren, indem sie sich im gleichen Atemzug ermahnen, diese doch
einzuhalten.

Aus all diesem, das im ZKM – Museum für Neue Kunst während der Ausstellung “Global
Art of the Contemporary” im Projektraum ausgestellt worden war, entwickelte sich
dann auch ein Mini-Workshop mit den englischen Künstlern Karen Mirza und Brad
Butler. “The Common Stage” war mit ihnen erschaffen worden, und Teil des “Museums
of Non-Participation”. Eine Gruppe Museumsmitarbeiter erhob sich als Kunstschaffende,
die mehr wollten, als nur Kunst anzusehen, sondern selbst Kunst machen! Sie gaben
sich den Namen “Chaosartisten”!